Lokale Blogs vs. Lokalzeitung: 2.0 : 1.0

Seit einiger Zeit brennt mir das Thema „Lokaljournalismus in Zeiten des Web 2.0“ ziemlich unter den Nägeln. Das kommt ein bisschen daher, dass ich selbst Mitte der 80er Jahre bei der Ludwigshafener „Rheinpfalz“ als „Freier“ mit journalistischen Fingerübungen begonnen habe – und heute, 25 Jahre später, nicht mal mehr ein Tageszeitungs-Abo besitze.

Und es hat ein wenig damit zu tun, dass seit kurzem „in der Branche“ wieder verstärkt über die Rolle der „Tageszeitung 2.0“ debattiert wird. Wird sie überleben, und wenn ja, in welchem Zustand, oder besser – Aggregatzustand? Ja, die Verlage diskutieren eifrig mit – was bleibt ihnen auch übrig? – zumeist in der üblichen hölzern-verzweifelten Argumentationsweise zwischen „Qualitätsjournalismus muss vom Leser (und Anzeigenkunden) honoriert werden“ oder „Alle gegen Google!“.

Vor allem aber treibt mich derzeit ein (noch) kleines, aber wie ich finde durchaus feines Medienangebot um, das ich mir in den letzten Tagen ein wenig genauer angeschaut habe, und das ein erstaunlich erhellendes Licht auf das gesamte Spannungsfeld zwischen gedrucktem und digitalem Lokaljournalismus wirft: Das Heddesheim-Blog.

Der Kollege Hardy Prothmann betreibt es seit Frühjahr 2009 mit einiger Verve in seiner Heimatgemeinde, einem 11000-Seelen-Örtchen im Rhein-Neckar-Kreis, nicht sehr weit von Mannheim und Heidelberg entfernt, und mittlerweile hat er es schon um eine weitere Plattform (für die Gemeinde Hirschberg) ergänzt.

Was daran nun so außergewöhnlich ist?

Ich halte das Heddesheim-Blog – sinnbildlich – für nichts weniger als die Zukunft des Lokaljournalismus.

Und das sage ich nicht, weil das Thema gerade ein wenig hip ist, weil ich Hardy Prothmann ein wenig kenne oder er gegenwärtig einige (verdiente) mediale Aufmerksamkeit erfährt. Ich sage das, weil sich am Heddesheim-Blog (das übrigens auch das Niederschlettenbach-Blog oder das Entenhausen-Blog sein könnte…) die ganze Dramatik der Verlags- respektive Zeitungsmisere exemplarisch darstellen lässt.

Aber der Reihe nach:

1.      Lokal ausgerichtete Blogs sind nun an sich keine Sensation mehr im Jahr 2010. Aber es gibt noch nicht allzu viele, denen ich strategisch und inhaltlich echte Strahlkraft zuschreibe, verbunden mit einer, nennen wir es mal, Bestandsgarantie.

Das Entscheidende aus meiner Sicht: In Kombination mit einem unabhängigen Journalisten als Herausgeber oder einer Art „geschäftsführendem Redakteur“, der sein Handwerk versteht und objektiv zu berichten vermag, stets die wichtigen Themen der Region vor Augen hat, auch mal unbequem und beharrlich ist  [übrigens zwei Eigenschaften, die vielen (Lokal-)Journalisten in den letzten Jahren ziemlich abhanden gekommen sind, die aber eigentlich den Beruf ausmachen!] ist das professionelle Lokal-Blog eine unschlagbare Kombination.

Wendig, schlank aufgestellt bei überschaubaren Produktionskosten, die Schnelligkeit des Mediums Internet ausreizend, hier flugs ein paar Digital-Fotos während der Umgehungsstraßendemo hochgeladen, dort schnell ein Video von der Faschingsveranstaltung oder vielleicht einfach mal ein paar gute O-Töne vom Mann auf der Straße eingestellt –  ein professionell gemachtes lokales Blog-Angebot im Web 2.0 ist den örtlichen Tageszeitungen so ziemlich um alles voraus, was ich mir vorstellen kann.

2.     Aufmerksamkeit ist bekanntlich das Gold der Neuzeit: Dass das lokale Gold in den Blogs liegt, schreibe ich auch der einfachen Nutzbarkeit zu. Den Möglichkeiten der Frontpage, über die alle wichtigen Themen schnell überschau- und klickbar sind – und auch alle anderen Neuigkeiten sind nur einen Link entfernt. Kein langes Blättern. Kein Suchen. One-touch-Reading, um es im Sport-Jargon auszudrücken.

Klar, Zeitungen wird es höchstwahrscheinlich immer geben, nicht nur um „eine Muck‘ damit tot zu schlagen“, wie der legendäre Stuttgarter OB Rommel einst unkte. Genauso wie es immer die Haptik-Puristen geben wird, die Büchern Knicke in die Seiten machen wollen und das Rascheln von Papier am Frühstückstisch lieben.

Und auch klar, einen digitalen E-Book-Reader oder ein wie auch immer geartetes Lesegerät werden wir nicht haufenweise an den Strand mitschleppen, schon allein weil der Sand einfach schlechter rausgeht. Geschenkt.

Aber wir haben uns, und da schließe ich mittlerweile die „reiferen Jahrgänge“ der Internet-Nutzer ein, inzwischen ans Lesen am Monitor gewöhnt. Die Bildschirme der Handys und Smartphones werden täglich größer und besser, mobiles Internet ist neuerdings erschwinglich und „easy-to-use“. Warum also nicht unterwegs in der U-Bahn neben dem Facebook-Update auch das lokale Blog durchscrollen? Eben.

3.     Der evidente Bedeutungsverlust der lokalen Tageszeitungen: Das ist vielleicht das gravierendste Problem, das ich derzeit bei Lokalzeitungen beobachte. Es fällt nicht so sehr auf, wenn man den überregionalen Teil durchblättert. Und es fällt auch nicht in den Sonntagsausgaben auf, in denen sie nicht selten veritable Perlen publizieren. Es fällt im Lokalteil auf, also sozusagen auf dem „Home-Turf“. Und das ist das eigentliche Drama:  Hier wird in großem Stil oft nur noch Terminjournalismus betrieben, ohne Differenzierung, ohne Einordnung, ohne Leidenschaft. „Die Festhalle war trotz des schlechten Wetters gut gefüllt.“ Bratwurst-Journalismus nennt das Hardy Prothmann. Und er hat Recht damit.

Für mich ist das Journalismus auf Anzeigenblatt-Niveau, nur besser bezahlt. Und besonders schlimm: Offenbar haben sich viele Leser damit abgefunden. Warum sonst rollt nicht eine Welle der Abo-Kündigungen in die Verlage? Vielleicht, das mag ich schwerlich zu beurteilen, ist es, so wie es ist, für manche Leser einfach in Ordnung. Vielleicht wollen sie ein „bisschen weniger Bratwurst“ in ihrem Heile-Welt-Denken einfach nicht haben? Vielleicht sind sie Diskurs und Beteiligung einfach nicht (mehr?) gewohnt!? Fragen über Fragen.

Selbst wichtige gesellschaftliche Themen werden von Lokalredaktionen gerne alibihaft abgehandelt, oft einfach ignoriert. Zur Diskussion anregen? Die Bevölkerung aufrütteln? An einem unangenehmen Thema auch einfach mal „dran bleiben“? Relevante Debatten anzustoßen halte ich für eine Kernkompetenz der Tageszeitung - warum wird dieser USP im Lokalen so sträflich vernachlässigt, ja ausgeblendet? Sorry, aber das kann jede Social-Media-Community mittlerweile besser – und vor allem schneller.

Ziemlich schnell und flexibel ist man allerdings dann, wenn es um die Angebotsvielfalt für die finanziell relevante Leserschaft, vulgo „Anzeigenkunde“, geht. Beim „Mannheimer Morgen“, sozusagen die Nachbarzeitung meiner Heimatgemeinde und Prothmanns Lieblingszielscheibe in Sachen Bratwurstjournalismus, sind so genannte „Advertorials“ jedenfalls kein Problem und durchaus gern gesehen.

Wer es nicht weiß: das sind gekaufte Beiträge von Unternehmen, die darin das eine oder andere erklärungsbedürftige Produkt in journalistisch verbrämter Manier darstellen. Im Idealfall prangt darüber ein Hinweis „Anzeige“ – doch die Einbettung in den Berichtsfluss der Zeitung sorgt (gewollt) natürlich für eine gewisse Verschwommenheit in der Wahrnehmung. Und nicht selten stehen diese Advertorials übrigens vor den wirklich wichtigen Beiträgen. Honni soit qui mal y pense…

Ach, noch ein Satz zu den diversen „Relaunches“, also neuen Blatt-Anstrichen, die es in den letzten Jahren verstärkt auch bei Regionalzeitungen gab: Neuausrichtung hat hier eher veränderte Farbleitsysteme als digitale Anbindung an die wahren Gespräche der Leser hervor gebracht. Aber Märkte sind Gespräche, lautet ein eherner Grundsatz der Social-Media-„Bewegung“. Und wenn das nichts genuin Lokales ist, dann weiß ich wirklich auch nicht mehr…

4.     Unmotivierte Mitarbeiter und die Arroganz der Arrivierten: „Wir haben das schon immer so gemacht“ ist für mich als zeitung-gewordenes Statement eine vielleicht nur noch vom Lesen der Bild-Zeitung übertroffene Pest. Vor allem ist es aber ein Eingeständnis von Unfähigkeit. Leider wird nach diesem „Prinzip“ in vielen Redaktionen gearbeitet – immer noch. Die Wenigsten sind so innovativ wie die „Koblenzer Rheinzeitung“. Deren Chefredakteur Christian Lindner nutzt „Twitter“ recht virtuos und hat die Micro-Kur offenbar auch seinen Redakteuren verordnet.

Das mag man inhaltlich nicht immer alles teilen, aber es ist zeitgemäß und zeigt, dass ein Holzmedium Digitalität nicht bis ans Ende aller Tage mit spitzen Fingern anfassen muss. Kürzlich hat Lindner ein paar Twitter-Fi(e)sematenten von „Wirtschaftwoche“-Chef Roland Tichy über „Geisterbahnhöfe entlang der ICE-Trasse“ geschickt in eine publikumswirksame Medienaktion für sein Blatt umgewandelt. Und gezeigt, dass eine Lokalzeitung gar keine Berührungsängste mit der digitalen Welt braucht.

Besonders schlimm wird es allerdings dann, wenn die „Arrivierten“ in stoischer Borniertheit nicht begreifen, dass sich die Welt um sie herum verändert. Oder es begreifen, und nicht wissen, was sie dagegen tun sollen und daher in arrogante Bockigkeit verfallen. Sogar nach Staatshilfen rufen, wie Herr Neven DuMont senior (siehe oben!) - ich kann es immer noch nicht glauben!! Oder lustlos Inhalte aus dem Printprodukt ins Netz hieven, das als crossmedialen Service rühmen und am allerschlimmsten noch hinter kaum nachvollziehbare Bezahlschranken stellen. Mein „Heimatblatt“ Rheinpfalz macht das so und hat, wie man hört, ziemlich überschaubaren Erfolg damit. Aber anscheinend genug Geld, um so neumodisches Internet-Zeugs „auszusitzen“. Nun, das hatte ja schon ein anderer Ludwigshafener ganz gut drauf…

Ein weiterer (selbstverschuldeter) Stachel im Fleisch der Lokal-Journaille ist die tödliche Mischung aus unmotivierten, weil schlecht bezahlten, Mitarbeitern und Schrumpfkuren, die von der Verlagsspitze nach Jahren der blattmacherischen Orientierungslosigkeit als nunmehr „unumgänglich“ verkauft werden – aber vor allem im schrumpfenden Profil und dem gleichsam schrumpfenden Anzeigenmarkt angesiedelt sind. Der massive Stellenaufbau der fetten Jahre rächt sich leider jetzt, sehr zum Leidwesen vieler guter Mitarbeiter, denen oft nichts anderes übrig bleibt als "hoffen, bangen und aussitzen" - oder gleich der Weg in die Selbstständigkeit.

Im Klartext: Immer weniger Personal soll bei immer schlimmeren Arbeitszeiten immer bessere Blätter machen, am besten sogar den sagenumwobenen „Qualitätsjournalismus“. Dumm nur, dass die immer Wenigeren das immer weniger gebacken kriegen und übrigens auch gar nicht wollen. Vielleicht kapieren die Verlagsleiter das aber in den nächsten Jahrzehnten, ich bin da guter Dinge. Außerdem sollte man noch erwähnen, dass Tageszeitungs-Redakteur anno 2010 einfach kein lukrativer Job mehr ist. Und ob sich das mal wieder ändert? Schließlich braucht man künftig qualifizierten und multimedial ausgebildeten Nachwuchs - aber der kann vom Ethos alleine auch nicht ordentlich leben...

5.     Sind Blogs möglicherweise gefährlich, konspirativ, „un-unabhängig“, gekauft oder sonstwie interessengeleitet? Hmm, man könnte es fast annehmen, wie sonst sollte man sich die hohe Misstrauensquote im Volk gegenüber rein online-basiertem Journalismus erklären? Ist das am Ende ein Generationen-Problem – dass nur das von echter Qualität sein kann, was aus einer Druckerpresse kommt und schwarze Finger macht? An dieser Stelle empfehle ich allen, einmal ein wenig tiefer auf Hardy Prothmann’s Heddesheim-Blog in die wundersame Welt des dörflichen Klüngels einzutauchen und sich ein paar Geschichten "von der Basis" durchzulesen.

Hier wird Pressefreiheit behindert, dass die Schwarte kracht – übrigens von offiziellsten Seiten, zünftig drangsaliert und als wäre das nicht genug, in schöner Regelmäßigkeit von besonders mutigen anonymen Besserwissern alles schlecht gemacht. Episoden, die man sonst nur von RTL 2-Reportagen gewohnt ist, die aber die bittere Provinz-Realität widerspiegeln. Mich persönlich frug dazu neulich jemand auf Twitter, ob das denn nicht getarnter Journalismus sei, da Prothmann in Heddesheim ja neuerdings auch noch Gemeinderat ist – und noch so allerlei Verschwörerisches. Nun, gerade deshalb ist es wohl eben nicht getarnt. Die Tarnung der Lokalzeitungen als journalistische Qualitätsprodukte konnten wir dann nicht mehr vertiefen… 

6.    Bleibt die Frage der Refinanzierbarkeit. Wäre ich gehässig, würde ich sagen: „Das haben die Verlage mit ihren Online-Ablegern doch in den letzten 10 Jahren nicht geschafft, warum also so schnell?“ Fakt ist jedoch, dass guter Journalismus nicht durch Gotteslohn finanziert werden kann und Spendenmodelle wie in den USA vermutlich keine Dauerlösung sind. Also muss Onlinewerbung drauf, und auch wenn Kleinvieh etwas Mist macht, auf lange Sicht muss mehr rüberkommen als hier mal ein Banner der KFZ-Werkstatt und dort mal eines vom Nachhilfelehrer Hempel.

Die Lösung könnte in Hardy Prothmanns Dachmarkenstrategie stecken: Das Heddesheim-Blog bereitet als digitale Urmutter einer ganze Reihe von lokalen Blogs den Weg, die die Metropolregion überziehen und somit irgendwann auch größeren Anzeigenkunden die erhoffte Reichweite für ihre Werbebotschaft bieten. (Zu vertiefen im exzellenten und ausführlichen Interview von Marian Semm: http://tinyurl.com/yb2ajb8)

Zudem sind ja in den letzten Jahren auch Automarkt, Stellenmarkt und andere Kleinanzeigen praktisch komplett ins Internet abgewandert, ohne dass sich die Zeitungsverleger dem vehement in den Weg geschmissen hätten. (Heute versuchen sie über digitale Kooperationsplattformen wie kalaydo.de oder ähnliches ziemlich späte Schadensbegrenzung). Insofern ist jedenfalls die digitale Anzeigenaufgabe für klassische TZ-Leser mittlerweile eingeübter Standard. Also auch hier: Das Blog, die Zukunft.

Ein wenig erfreuliches Szenario also, das ich jedenfalls gerne einmal mit dem Verlagsleiter des „Mannheimer Morgen“ oder der „Rheinpfalz“ oder welcher Lokalzeitung auch immer diskutieren würde. Wenn nämlich authentische, digitale Medien aus der Region für die Region, mit "bratwurstfreien" Themen und engagierten Mitarbeitern auf profitablem Boden bald Realität sind (wovon ich fest ausgehe), also mit all jenen Zutaten, die Journalismus so wertvoll machen – dann steht der "Rhein" zum ersten Mal richtig in Flammen. 

 

 

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